Schuldgefühle

Auszug aus „Deine Wut tut dir gut!" von Klaus Lange - mit freundlicher Genehmigung des Autors

Eine Frau, etwa 50 Jahre alt, war in einem meiner Seminare. Sie macht ihre erste Einzelbegleitung bei mir. Dabei ermutige ich (l) sie (F), sich ihrem Herzen zuzuwenden.

I: Wie fühlst du dich, wenn du an dein Herz denkst?
F: Ich habe Angst. Ich habe nie mit meinem Herzen Kontakt gehabt. Ich habe es völlig vergessen. Ich habe es schlecht behandelt mit Alkohol und Rauchen, auch mit dem Essen. Ich schäme mich.
I: Sage es deinem Herzen.
F: Herz, ich schäme mich, dass ich dich vergessen habe und dich gequält habe. (Sie weint.) Und jetzt kommen ganz dicke Schuldgefühle. Die haben mich mein ganzes Leben lang gequält. Immer habe ich mich schuldig gefühlt. Schon als Kind, wenn es meiner Mutter schlecht ging oder mein Vater wütend war. In der Ehe war ich auch für alles schuldig. Das hat mir mein Mann oft gesagt. (Sie weint laut.)
I: Du kannst sagen: Trauer, ich lasse dich zu.
F: Trauer, ich schäme mich vor dir. Aber ich lasse dich zu.
I: Wie fühlst du dich jetzt?
F: Ich denke an all meine Schuldgefühle. (Wütend.) Ich hasse sie!
I: Sage es ihnen.
F: Ihr Scheißschuldgefühle, ich hasse euch. Verschwindet doch endlich!
I: Sage dem Hass, dass du ihn zulässt.
F: Ja, Hass, ich lasse dich endlich zu.
I: Wie fühlt er sich an?
F: Er macht mir Angst, aber er fühlt sich auch ganz kraftvoll und angenehm an.
I: Sage deinen Scheißschuldgefühlen, dass sie jetzt bekommen, was sie verdient haben. Und dann machst du mit ihnen, was du willst. Du kannst deinen Hass an ihnen ausleben.
F: Hass, ich lasse dich zu. Ihr verdammten Schuldgefühle, jetzt seid ihr dran. Ihr habt mir mein Leben zur Hölle gemacht. (Nach einer Pause.) Die stehen da und grinsen dämlich. Die lachen mich aus. Sie sagen: Wir sind stärker.

I: Jetzt kannst du in deinem Hass mit ihnen machen, was du willst. Du kannst sie beschimpfen, du kannst sie beleidigen, du kannst gewalttätig werden. Wenn du willst, nimm dir eine dicke Keule und haue sie platt.
F: Das ist viel zu wenig. Ich bin so wütend. Ich bin voller Hass. Ich habe eine große Kettensäge. Jetzt kriegen die Schuldgefühle endlich Angst und grinsen nicht mehr. Sie laufen auch nicht weg. (Aufgeregt.) Und jetzt zersäge ich sie. Von oben nach unten.
Auch in Scheiben, quer durch den Körper. Da spritzt das Blut. Die Kettensäge kreischt und ich zersäge alle diese Scheißschuldgefühle. Ich erwische sie alle. Alles ist voller Blut. Oh Gott, bin ich erleichtert. Ich freue mich. Und mein Herz guckt zu und streckt den Daumen in die Luft. Ich kann nicht glauben, dass das Herz richtig begeistert ist und sagt: Wie schön, dass du endlich deinen Hass und deine Gewalt kennen lernst.
I: In deinem Inneren darfst du alles machen. Dort sind Hass und Gewalt ganz anders als in der äußeren Welt. Damit kannst du dich vertraut machen.
F: (Erstaunt.) Das ist aber seltsam. Jetzt stehen die Schuldgefühle alle wieder unverletzt da. Sie sind ganz still und viel kleiner als vorher. Ein bisschen bin ich enttäuscht. Aber so fühlen sie sich erträglicher an.
I: Denke daran, dass die Schuldgefühle dich zu deinem Hass und deiner Gewalt gebracht haben, zu denen du bisher wenig Vertrauen hattest. In deinem Inneren hast du eben grausam gewütet. Und jetzt siehst du, dass du nichts beschädigt oder zerstört hast.
Stelle dir vor, mit diesen großen aggressiven Kräften im Inneren offener und vertrauter zu leben. Du wirst erfahren, dass sie dir lebendige Energien schenken, die friedlich in dir fließen und dich nicht dazu bringen, außen Schaden anzurichten. Wenn du möchtest, danke deinen Schuldgefühlen, dass sie dich zu deinem Hass und deiner Gewalt gebracht haben.

F: Es fällt mir immer noch schwer, den Schuldgefühlen zu danken. Aber ich sage es einfach einmal: Schuldgefühle, ich danke euch, dass ihr mich im Inneren zu meinem Hass und zu meiner Gewalt gebracht habt.
I: Eigentlich haben dich nicht die Schuldgefühle so gequält, sondern dein Umgang mit ihnen. Unbewusst hast du sie heftig bekämpft, um sie zu überwinden. Dadurch haben sie sich so bedrohlich und übermächtig angefühlt. Wenn du in Zukunft mit deinen Schuldgefühlen bewusster lebst, helfen sie dir, dich innerlich kennen zu lernen.


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