Ein Missbrauch!?

Auszug aus „Wie du denkst, so lebst du“ von Klaus Lange - mit freundlicher Genehmigung des Autors

Im Folgenden gebe ich Teile einer inneren Begleitung wieder, in der die Eigenschaften von Erinnerungen ganz deutlich werden. Sie tragen dazu bei, ein schwieriges Thema innerlich zu erlösen.
Eine Frau (F) erzählt mir vor einer inneren Begleitung, dass ihre Therapeutin ihr gesagt hat, dass sie typische Merkmale von sexuellem Missbrauch in der Kindheit aufweist. Sie hat so etwas auch schon öfter vermutet, kann sich jedoch nicht daran erinnern. Ich (I) mache ihr deutlich, dass es in einer inneren Erfahrung nicht wichtig ist, was früher einmal geschehen ist. Sie kann sich dem Thema des Missbrauchs trotzdem zuwenden. Nach einem Besuch ihres Herzens und nach dem Kontakt zu einigen Gefühlen frage ich:


I: Wie fühlst du dich denn jetzt, wenn du an einen sexuellen Missbrauch in deiner Kindheit denkst?
F: Ich bin ziemlich ruhig. Eigentlich bin ich neugierig.
I: Sprich deine Neugier an.
F: Neugier, ich spüre dich. Hilf mir doch, an dieses Thema heranzukommen.
I: An wen denkst du jetzt? Wer könnte dich missbraucht haben?
F: Mir war schon immer ein Onkel unheimlich. Er ist jünger als mein Vater. Er hat in meiner Kindheit in der Nähe im Ort gelebt.
I: Was war dir unheimlich an ihm?
F: Ich mochte ihn ganz gern, aber wenn er mir zu nahe kam, hatte ich auch Angst. Ich weiß bis heute nicht, warum.
I: Wie erinnerst du diesen Onkel aus deiner Kindheit?
F: Er war vor seiner Ehe oft bei uns. Er war fröhlich und meine Eltern mochten ihn gern. Er spielte öfter mit mir und hat mich auf den Arm genommen. Ich erinnere mich, dass er mich auf die Schultern gesetzt hat und mit mir durch den Garten ging. Das war ein schönes Gefühl.
I: Dann sag ihm doch, dass du dich bei ihm ganz wohl fühlst.
F: Onkel Heinz, ich fühle mich wohl bei dir. Er freut sich und wirft mich in die Luft, was er auch öfter mit mir gemacht hat.

I: Wie fühlst du dich, wenn du daran denkst, dass er dich sexuell belästigt haben könnte?
F: Plötzlich ist die ganze Stimmung anders. Ich bin traurig und ich habe Angst. Ich weiß gar nicht, wovor.
I: Wie verhält er sich denn jetzt?
F: Ich liege im Bett und er steht ganz riesig daneben. Er guckt mich von oben her an. Ich habe große Angst.
I: Sage es ihm.
F: Onkel Heinz, ich habe große Angst vor dir. Du bist so groß. Ich merke, dass ich ganz nackt im Bett liege. Er guckt so stark. Ich schäme mich. Ich mag das nicht. Onkel Heinz, ich will nicht, dass du mich so anguckst.
I: Wie verhält dein Onkel sich?
F: Er starrt immer noch. Und dann fasst er mit seiner großen Hand meinen Bauch an. Er streichelt ihn. Ich schäme mich. Ich will das nicht. Onkel Heinz, ich will nicht, dass du mich anfasst. Er nimmt seine Hand weg und starrt immer noch auf mich.
I: Was könnte er mit dir machen, wenn du dich nicht schützt?
F: Das macht mir richtig Angst. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was er dann mit mir machen wird.
I: Willst du es trotzdem ausprobieren und ihm mit Angst sagen, dass er jetzt mit dir machen kann, was er will? Wenn es nicht geht, musst du es ihm aber nicht sagen.
F: Angst, ich spüre dich. Ich will es versuchen.
I: Du kannst es abbrechen, wenn es dir unerträglich wird. Du brauchst nur Stopp zu sagen, um es zu beenden.
F: Gut, Onkel Heinz, du kannst jetzt mit mir machen, was du willst. Ich habe Angst vor dir.
I: Was macht er da mit dir?
F: Er guckt nur. Er lächelt sogar ein bisschen. Er bleibt ganz ruhig. Aber jetzt nimmt er mich nackt aus dem Bett. Er nimmt mich in seine Arme. Er bleibt aber ganz ruhig. Er fühlt sich ganz warm und stark an. Er sieht ganz liebevoll aus. Er tut mir nichts. Er hält mich einfach.
I: Wie fühlst du dich?
F: Ich bin ganz erleichtert. So fühle ich mich bei ihm ganz wohl, auch wenn ich nackt bin. Es ist gar nicht mehr peinlich. Onkel Heinz, ich fühle mich wohl in deinen Armen.

I: Frage ihn, ob er in dir ist, der dich in seinen Armen hält.
F: Wie meinst du das?
I: Du liegst hier und hast deine Augen geschlossen und schaust nach innen. Da ist niemand, der dich außen in den Armen hält. Du hast dich etwas Innerem anvertraut, das so aussieht wie dein Onkel Heinz. Du kannst diese Gestalt fragen, ob sie dein innerer Mann oder vielleicht dein innerer Vater ist.
F: Onkel Heinz, bist du mein innerer Mann?
Er lacht und sagt Ja. Das wundert mich nun aber. Es ist ja richtig schön mit ihm. Und jetzt bin ich erwachsen und angezogen und er hält mich genauso warm und wohlig in seinen Armen.
I: Spüre, dass alles von innen kommt. Du begegnest einem Teil deiner Männlichkeit, zu dem du bisher nicht viel Beziehung und Vertrauen hattest. Durch die Angst vor dem Missbrauch hast du dich bisher innerlich vor dieser Kraft in dir geschützt. Das musst du jetzt nicht mehr tun. Du kannst mit diesem inneren Mann offener und vertrauter leben. Du kannst mit ihm auch ganz bewusst Experimente machen und dich ihm ausliefern, um dich innen auch mit deiner Sexualität vertrauter zu machen. Außen ist es anders. Da musst du dich niemandem ausliefern, wenn du es nicht möchtest. Innen musst du jedoch deine Weiblichkeit nicht mehr vor deiner Männlichkeit schützen.

Ganz ähnliche Erfahrungen mache ich auch in Fällen, in denen der Missbrauch oder eine Vergewaltigung wirklich stattgefunden hat und bei der Frau erinnert wird. Auch da ermutige ich, im Laufe einer inneren Erfahrung sich dem Mann zu nähern, ihn zu erfahren und - wenn es der Frau möglich ist - sich dem (inneren) Mann auszuliefern. Es kann sein, dass sich der in der Vergangenheit erlebte sexuelle Vorgang „wiederholt". Das geschieht natürlich jetzt auf einer ganz anderen Ebene und führt immer dazu, dass die Frau zu ihrer bisher bedrohlichen Männlichkeit, zu ihrer bisher bedrohten Weiblichkeit und zu ihrer Sexualität mehr Vertrauen gewinnt.

Man muss sich also nicht scheuen, auch mit den Erinnerungen an sehr unangenehme und unerträgliche äußere Vorgänge innere Erfahrungen zu machen. Dort kann man alles tun, was man möchte. Dort kann man auch alles zulassen, was in der äußeren Welt schädlich oder gar tödlich wäre. In solchen Erfahrungen lösen sich bisherige Schutzhaltungen, die vor allem - meistens unbewusst - nach innen gerichtet waren.


Baum