Der Geier und die Knoten

Der läuft mit mir über eine Wiese … und läuft … und läuft … und läuft …
Ich verstehe nicht.

Sag dem Geier, dass du das nicht verstehst.

Nichts, da kommt nichts.
Der tut dumm, der läuft und ignoriert mich.

Wie fühlst du dich da?

Ich trotte hinter ihm her. Ich finde es nicht gut.

Dann sag ihm, dass es dir nicht gut tut, dass er dich ignoriert.
Was sagt er da?


Gar nichts.

Wie fühlt sich das an?

Traurig.

Erlaube dir, das Gefühl voll und ganz zu spüren.
Sag dem Geier, dass du traurig bist, weil er nicht mit dir spricht.

Es ist die Strafe …

Wofür?

Was ich unterlassen habe.

Kannst du etwas damit anfangen?

Noch nicht.

Dann sag dem Geier, dass du es nicht richtig verstehst.

Für alle, die ich im Stich gelassen habe.
Alle Seelen, die ich im Stich gelassen habe.
Er macht immer nur Andeutungen.

Verstehst du das mit den Seelen?

Aha, jetzt kommt die Emmy – die letzte Katze …

Lass das Gefühl zu, gib ihm viel Raum.
Lass die Tränen zu, das darf jetzt alles raus.


Sie wollte in meinen Armen sterben und ich habe es nicht ausgehalten. Ich hab sie abgegeben.
Ich konnte es nicht mehr sehen, wie sie gelitten hat.
Es verbrennt mir fast die Brust.

Sag dem Geier, dass du es nicht mehr mit ansehen konntest, wie sie gelitten hat.

Er lässt mich ganz schön schmoren.
Das ist die Strafe dafür, dass ich es nicht mehr ausgehalten habe. Es wäre nicht mehr lange gewesen. Das hätte er von mir verlangt.

Wie geht es dir damit, wenn er so was sagt?

Es tut weh.

Sag ihm das.

Er sagt, das ist nicht er. Das ist das, was ich in ihm sehe.
Er verurteilt mich nicht. Ich bin es, die sich verurteilt.
Er will nicht verurteilen, er will sich auf mich legen, seine Flügel ausbreiten. Er will mich trösten.

Genieße es, wie er dich tröstet.

Niemand bestraft mich, außer ich mich selbst.
Ich soll liebevoller mit mir umgehen.

Frag ihn, ob deine Brustbeschwerden mit diesem Bestrafungsmuster zu tun haben?

Ja, deshalb hat er auch seine Schwingen über meine Brust ausgebreitet – leicht und sanft.
Die Strafe ist die Last, die ich in der Brust trage – nicht nur in der linken Brust, sondern auch rechts.

Frag ihn bitte, was du noch tun kannst für deine Brust, damit sie heilen kann?

Ich soll sie (die Knoten) ihm einfach geben, in seine Federn stecken. Er nimmt sie mit und entsorgt sie.

Wie fühlt sich das für dich an?

Schön.
Ich hab noch Sorge, dass ich sie ihm geben kann, weil ich Angst hab, dass es zu schwer ist.

Sag ihm, dass du Angst hast, dass es zu schwer für ihn ist.

Ist es ihm nicht, er hat schon ganz andere Lasten getragen.

Frag ihn, ob dich noch mehr Seelen belasten?

Das war die schwerste, die größte Last.
Er ist der Meinung, ich habe es begriffen.

Wie fühlst du dich jetzt?

Erleichtert.
Wenn ich wieder mal was hab, soll ich ihn gleich rufen.

Frag ihn, ob heute noch etwas geschehen soll?

Nein.

Dann bedanke dich bei dem wundervollen Geier und umarme ihn und genieße das Gefühl der Dankbarkeit und Freude, und dann verabschiede dich von ihm …