Die Lokomotive PDF Drucken

Auszug aus „Deine Wut tut dir gut!" von Klaus Lange - mit freundlicher Genehmigung des Autors

Ein Mann, etwa 50 Jahre alt, kommt zu mir. Er hatte an einem meiner Wochenend-Seminare teilgenommen. Er erzählt mir, dass er immer wieder unerklärliche Ängste hat. Er leidet an niedrigem Blutdruck und ist häufig erschöpft. In der Einzelbegleitung spricht er zuerst seine Aufregung an und erlebt, dass eine große Angst, fast schon Panik, aufkommt. Ich (I) ermutige den Mann (M).

I: Sprich doch deine große Angst an. Du kannst ihr sagen, dass du sie jetzt spürst
M: Das fällt mir sehr schwer. Ich bin schon in Panik.
I: Dann sage: Panik, ich spüre dich.
M: Was wird dann mit mir geschehen?
I: Probiere es aus. Ich würde dich nicht ermutigen, wenn es gefährlich wäre.
M: Panik, ich spüre dich. Ich finde dich schrecklich. Ich hasse dich.
I: Woran denkst du oder woran erinnerst du dich, wenn du diese große Angst spürst?
M: Eigentlich gibt es keinen Grund für diese Angst. Da ist nichts, vor dem ich Angst haben müsste. (Er wird ganz still. Dann verkrampft er sich.).
I: Was geschieht jetzt mit dir?
M: Mein Gott, jetzt denke ich an einen schrecklichen Traum, der mich seit meiner Kindheit verfolgt. Ich stehe auf Eisenbahnschienen und aus der Ferne donnert eine schwarze Dampflokomotive heran. Sie pfeift laut. Es kommt ein dicker Qualm aus der Maschine. Ich stehe da und kann nicht entkommen, ich bin stocksteif in Panik. (Er schüttelt sich und macht die Augen auf.) Vor dem Aufprall bin ich immer schweißgebadet aufgewacht. Danach konnte ich lange nicht mehr einschlafen. Noch vor wenigen Wochen hatte ich diesen Albtraum auch wieder. Ich kann es nicht aushalten.
I: Du könntest die Reise abbrechen. Aber ich kann dich ermutigen, mit diesem schrecklichen Traum innere Erfahrungen zu machen. Mach dir bewusst, dass du hier sicher auf der Unterlage ruhst. Die bedrohliche Lokomotive ist ganz in dir.
M: So ganz verstehe ich das nicht. Aber das kann doch Schaden anrichten. Vielleicht werde ich verrückt.

I: Probiere mal aus, was dann in dir geschieht. Du kannst es jederzeit abbrechen.
M: Das fällt mir schwer. Aber ich habe Vertrauen zu dir, Klaus.
I: Wichtig ist, dass du Vertrauen zu dir selbst gewinnst. Das geht nur, wenn du dich kennen lernst. Stelle dir vor, dass du wieder auf den Schienen stehst und die Lokomotive aus der Ferne heran donnert.
M: (Aufgeregt.) Ich weiß nicht, ob ich das schaffe. (Nach einer Pause.) Ich sehe sie kommen. Schrecklich. Furchtbar. Ich bin ich Panik.
I: Sprich die Lokomotive an. Sage ihr, dass sie dir Panik macht.
M: Das ist aber komisch, die Lokomotive anzusprechen. Aber wenn du meinst (Zögern.)
Schreckliche Lokomotive, ich bin in Panik, wenn ich dich kommen sehe.
I: Wenn es dir möglich ist, sage deiner Panik, dass du sie jetzt zulässt.
M: Panik, ich lasse dich zu. (Nach einer Pause.) Es ist schrecklich. Ich bin völlig verkrampft.
I: Wenn es geht, sage der Lokomotive, dass du dich ihr anvertraust.
M: Das schaffe ich nicht. Das ist zu schrecklich.
I: Dein Körper liegt hier ganz sicher. Deswegen kann ich dich ermutigen, dich der Lokomotive anzuvertrauen.
M: (Voller Angst.) Lokomotive, ich vertraue mich dir an.
I: Was geschieht mit dir?
M: (Er zittert und kann kaum sprechen.) Furchtbar, furchtbar! Ein furchtbarer Aufprall.
Mein Körper zerplatzt in tausend Stücke. Ich glaube, ich sterbe.
I: Lasse es geschehen. (Ich warte einen Augenblick.) Wie fühlst du dich jetzt?
M: Ich bin erstaunt. Ich lebe noch. Es tut nicht weh. Das hätte ich nicht gedacht. (Nach einer Pause.) Jetzt ist mein Körper ganz entspannt. Er fühlt sich leicht an. Und jetzt fließt eine warme Kraft bis in meine Füße und Hände. Ich kann das nicht glauben. Die Lokomotive steht ruhig auf den Gleisen. Da ist weißer Dampf und sie sieht nicht mehr so bedrohlich aus.

I: Frage die Lokomotive, ob sie in dir ist.
M: Das ist mir ganz neu. Lokomotive, bist du in mir? (Nach einer Pause.) Es ist verrückt, die Lokomotive sagt Ja.
I: Du kannst die Lokomotive fragen, wer sie in dir ist. Vielleicht bekommst du eine Antwort.
M: Lokomotive, wer bist du denn in mir? (Nach einer Pause.) Sie sagt: Ich bin deine Aggression. Zu mir hattest du bisher wenig Vertrauen.
I: Wie fühlst du dich jetzt?
M: Kann es sein, dass ich vor meiner eigenen Aggression so viel Angst hatte?
I: So wird es wohl sein. Dass dir diese aggressive Kraft so unerträglich und bedrohlich war, ist bei uns fast normal. Die meisten Menschen glauben, dass man Aggression auch im Inneren ständig unter Kontrolle halten muss.
M: Aber Aggression und Gewalt können doch großen Schaden anrichten.
I: In der äußeren Welt darf man Aggression nicht einfach ausleben und andere Menschen verletzen oder töten. In der inneren Welt ist die Aggression und die Gewalt eine völlig harmlose Lebenskraft, die einem friedlich zur Verfügung steht, wenn man Vertrauen zu ihr hat.
M: Das ist für mich völlig neu. Meine Mutter war manchmal sehr aggressiv mit mir.
Manchmal hat sie mich verprügelt. Da habe ich mir geschworen, nicht so zu werden wie meine Mutter.
I: Deine Mutter ist unbewusst mit ihren eigenen Aggressionen umgegangen. Innerlich war sie sicher oft ganz hilflos und hat dann aggressiv dagegen gekämpft. Wenn man so mit sich umgeht, kann es sein, dass man auf jemand anderen losgeht, den man als Ursache seiner unerträglichen Gefühle hält.
M: Ich dachte immer, dass meine Mutter stark war. Es ist ganz neu zu denken, dass sie hilflos war und dann geprügelt hat. (Nach einer Pause.) Mir wird jetzt bewusst, dass ich mich immer ganz scheußlich gefühlt habe, wenn ich schwach und hilflos war. Dann habe ich wohl auch unbewusst dagegen gekämpft. Gleichzeitig habe ich die Aggression blockiert, um nach außen nicht gewalttätig zu werden.
I: Diese große Kraft hat sich dir in deinen Träumen als die gewalttätige Lokomotive dargestellt. Du hast dich innen unbewusst und aggressiv mit aller Kraft gegen diese Energien gewehrt. Nachdem du dich der zerstörerischen Lokomotive ausgeliefert hast, wirst du erleben, dass die aggressive Lebenskraft friedlich in dir fließt und dass du draußen mit ihr nicht unbewusst Gewalt anwenden musst. Es gibt einen großen Schub an Vertrauen, wenn man das weiß.

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