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Wandlungen eines Storches

Ich sehe meinen Storch, er steht im Wasser. Er wirkt irgendwie nicht echt. Er redet nicht, er steht bloß da, das ist wie ein Pappbild. Das ist nicht mein Krafttier, sagen der Wolf und der Puma.

Frag die beiden, ob sie wissen, was zu tun ist.

Sie sagen, dass sie mich begleiten dorthin, wo es sein könnte.
Wir gehen einen Berg hinauf, durch die Landschaft vom Wolf durch.
Es ist eine Schneelandschaft, wo mein Puma ein bisschen friert. Es geht ziemlich hoch, es geht bis in die Wolken hinein. Jetzt sind wir oben auf der Spitze angekommen. Über uns scheint irgendein Vogel zu kreisen. Ich frage ihn, ob er herkommen kann. Er scheint in einer Art Windstrudel festzustecken, sodass er nicht landen kann.

Was braucht er, damit er landen kann?

Ich soll eine Leiter bauen, aus Holz, Ästen und Wurzeln. Jetzt haben wir die Leiter fertig. Der Vogel kommt die Leiter herunter, er ist ziemlich groß. Es ist ein Falke.
Er bedankt sich, dass ich ihn aus dem Luftstrudel herausgeholt habe. Es hat bisher nie jemand nach ihm geguckt, vielleicht auch, weil er über der Wolkendecke war. Er wollte halt mal hinaufschauen und ist dann nicht wieder heruntergekommen. Deshalb hat er auch den Storch hingestellt, dass ich irgendwann, wenn ich nach ihm sehen will, ihn suche. Er hat mir auch mit Absicht immer wieder dasselbe Bild gezeigt, immer wieder den stehenden Storch, damit ich mal intensiver nach ihm gucke.
Dem Falken geht es gut, er ist aufgetankt, voll Kraft. Aber er will erst mal nicht so schnell da hoch fliegen. Ich biete ihm an, er soll sich auf meine Schulter setzen.

Puma und Wolf fühlen sich da oben nicht ganz so wohl. Sie wollen wieder runter und der Falke möchte auch mit heruntergenommen werden.
Der Falke wundert sich, was hier passiert ist, als wir durch die kalte Eislandschaft laufen.

Wie meint er das?

Es war vorher viel weniger, es waren weniger Berge da. Er hat das unter den Wolken anders in Erinnerung. Er findet die Eislandschaft ganz schön. Er freut sich über seinen Atem, den er ausstößt, der wie Qualm aussieht. Dem Puma ist es zu kalt, er rennt schon mal vor. Mein Wolf meint, er bleibt gleich hier in der Eislandschaft. Er kommt mich nachher besuchen. Den Falken nehme ich weiter mit - bis zu dem Platz, wo vorher der Storch stand in dem See.

Es tut sich so eine Art Sog nach unten auf. Der Falke sagt, das ist seine eigentliche Welt. Es scheint so eine Art Tor zu sein. Der Falke meint, er würde mich jetzt verlassen. Er geht jetzt in seine Welt. Ich kann ihn jederzeit aufsuchen. Er fragt auch, ob ich mitkommen möchte in seine Welt.

Willst du es?

Es sieht schon komisch aus, aber ich würde mitkommen.
Jetzt gibt mir der Falke die Gestalt von ihm, sodass es zwei Falken sind. Wir fliegen da rein. Jetzt, wo wir durchgeflogen sind, sieht das aus wie das ganze Universum in einem. Wir sind praktisch durch dieses Tor in das Universum gekommen. Der Falke zeigt mir jetzt, wo die Erde ist, wo die Sonne ist.

Wie fühlt sich das an?

Schon komisch von da, wo ich bin. Der Falke sagt, ich soll öfter mal hierher kommen und mir das angucken. Er sagt auch, er ist deswegen dort hoch geflogen in den Himmel, um zu gucken, ob er da auch dorthin kommt. Und er hat mitgekriegt, dass es so nicht geht. Dass er schon durch das Tor durchgehen muss.
Durch die Augen von dem Falken sieht das alles etwas anders aus. Man kann da wie so hineinzoomen, extreme Weitsicht.

Was nimmst du noch wahr durch die Augen des Falken?

Dass der Falke eigentlich gar kein Falke ist, dass er bloß in der Gestalt des Falken ist, dass er darin auftritt, um mir das begreifbar zu machen, um es mir zu zeigen.

Wer ist der Falke in Wirklichkeit?

Er sagt, dass er ich ist, und ich auch er bin.
Er kann jede Gestalt annehmen. Er zeigt mir, in welchen Gestalten er alles schon aufgetreten ist: als Puma, als Gras, als Wolke, als alles.
Er sagt mir, wenn ich an ihn denke oder ihn besuchen will, soll ich mir einen Baum vorstellen, einen ganz dicken, großen Baum. Entweder wird er auf dem Baum sitzen oder er wird der Baum sein. Auf jeden Fall wird er dabei sein, wenn ich mich mit anderen Tieren treffe. Er will mir damit auch meine Verbundenheit mit der Erde usw. klarmachen. Und wenn ich in so eine Dimension reisen will, soll ich mich an den Baum lehnen.
Ich bedanke mich bei dem Baum, der Falke ist jetzt Baum. Er sagt, dass es jetzt einfacher ist für mich, mir vorzustellen, wie das funktioniert.

Wie geht es weiter?

Der Baum meint, ich soll meinen Drachen fragen. Ich liege an dem Baum und der Drache kommt und landet vor mir.

Was sollst du den Drachen fragen?

Was mit meinen anderen Tieren ist. Er hat das Chamäleon lange nicht gesehen. Er steigt mit mir auf und bringt mich zu der Landschaft, wo es vorher war. Da ist nichts. Ich frage, wo es sein kann. Es hat sich wohl irgendwie versteckt. Es scheint, dass es Angst vor dem Drachen hat.

Was braucht es, damit es die Angst nicht hat?

Es sagt, es wäre auch gern ein Drache.

Wie kann das geschehen?

Indem ich es respektiere. Ich sage ihm, dass ich gar nicht wirklich weiß, was Respekt ist. Dass ich es aber gern versuchen will, es zu respektieren.

Weiß irgendein Tier, was Respekt ist?

Respekt ist, dass ich niemandem weh tue, sagt der Drache.
Der Bär meint, Respekt kommt auf die Größe an.
Der Wolf sagt, Respekt kommt von innen, vom Herzen, das mitfühlt.
Der Baum sagt, Respekt ist nur der Umgang miteinander.
Der Fisch meint, Respekt ist, jedem seinen Freiraum zu lassen. Das Chamäleon hat sich nicht wohl gefühlt. Jetzt, wo es weiß, dass ich es respektieren will, sieht es schon glücklicher aus.

Braucht das Chamäleon noch etwas?

Es will gern auch in der Nähe von dem Baum leben. Der Wolf trägt es hin.
Der Drache fragt, ob er den Bereich, wo das Chamäleon vorher war, abbrennen kann, weil es so sumpfig war. Das Chamäleon findet das nicht so toll.

Das Chamäleon will noch einen See hinter dem Baum. Der Drache fängt schon an zu graben, alle helfen mit, den See auszugraben. Jetzt ist auch schon Wasser drin. Das Chamäleon ist rein gesprungen …